Körpererinnerungen und Schwangerschaft – auf der Suche nach dem erlösenden Zaubertrank

Ich sitze am Pc und fühle mich wund bis auf die Knochen. In der Küche brutzelt mein Mittagessen vor sich hin. Mit wippendem Fuß lehne ich im Sessel und bin stark bemüht mein Nervensystem zur Ruhe zu bringen. Atmen. Aus dem Fernseher tönt Asterix und Obelix. Wie eine unbeugsame Gallierin versuche auch ich mich aufrecht zu halten. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich bereits mit meiner eigenen Mutterschaft innerhalb der alten Gewaltsysteme. Spätestens aber mit Halloween und Allerheiligen liegen diese Verletzungen in uns wieder so brach, dass wir vor Schmerz darüber fast zu Grunde gehen. Erneut stellen wir fest: Es ist eine Sache, wenn wir die Bilder im Kopf händeln müssen und nochmal eine ganz andere, wenn der gesamte Körper von der Vergangenheit erzählt.

Normalerweise haben wir als Frau einen sehr zuverlässigen Zyklus. Das gilt auch, wenn wir unter enormen Stress stehen. In so mancher Situation haben wir uns gewünscht, dass unsere Monatsblutung ausnahmsweise mal aussetzen könnte. Gerade wenn wir frisch operiert im Krankenhaus lagen und nicht aufstehen konnten und durften. Nichts zu machen. Die Menstruation kam zuverlässig wie ein schweizer Uhrwerk. Das gilt bis heute – mit einer einzigen Ausnahme! Und die tritt dann ein, wenn Flashbacks an frühere Schwangerschaften und Geburten uns überfluten und stark im Alltagsbewusstsein spürbar werden. Dann macht unser Körper exakt den damaligen Ablauf im Zeitraffer noch einmal mit. Wehenartige Krämpfe treten in Verbindung mit den Erinnerungen auf. Unser weiblicher Organismus verändert sich innerhalb weniger Stunden und Tage nach dem auftreten der Flashbacks massiv. In unseren Brustdrüsen stellt sich Milchfluss ein. Das empfinden wir auch aktuell wieder als enorm belastend. Es ist schwer genug sich von den visuellen Flashbacks (Bildern) wieder zu distanzieren. Enorme Schmerzen oder eine spannende, geschwollene Brust mit Milchfluss schaffen aber aktuelle Fakten, die durch das Erreichen einer Metaebene nicht einfach mal eben verschwinden. Unser Körper weiß, dass er Mutter ist. Ihm sind die kognitiven Fakten und Zeitvorstellungen egal. Er knüpft schlicht an dem Punkt an, in dem er vor langer Zeit einfrieren musste, um zu überleben.

Immer wieder überrennt uns die Erschöpfung. Wir nehmen ein paar Bissen von unserem Essen zu uns und legen uns anschließend hin. Erinnerungen an Traumata sind nicht nur enorme psychische Kräfte, die in einem Menschen wirken. Sie kosten auch dem Körper unendliche Kraft, denn er durchlebt sie jedesmal erneut. Das gesamte Nervensystem inklusive der Hormonachsen reagieren genau so wie während des ursprünglichen Traumas. Stoffwechsel und Kreislauf schalten um auf Überlebensfunktionen. Wissenschaftlich konnte dieser Vorgang inzwischen nachgewiesen werden. Persönlich tun wir uns noch oft schwer damit den Umstand anzuerkennen, dass Erinnerungen derart viel im Körpersystem auslösen. Einer unserer Schutzmechanismen ist es nämlich uns trotz massiver Beschwerden immer wieder zu sagen, dass die Folgen nur halb so wild sind. Der Dissoziation sind wir nunmal sehr verbunden und entsprechend rückt unser Gehirn Dinge immer wieder ins Unwirkliche, um sie erträglich zu machen. Schmerzen müssen ein gewisses Maß weit überschreiten, bis wir uns überhaupt erlauben sie zur Kenntnis zu nehmen. Wir bemühen uns inzwischen darum sanfter mit uns zu sein, weil dieses Verhalten in der Vergangenheit zu teils lebensbedrohlichen Situationen führte, wenn wir einfach nicht zum Arzt gingen.

Selten kommen Erinnerungen in den körperlichen Auswirkungen so eindrücklich bei uns an, wie die Milch, die aktuell aus unserer Brust fließt. Das ist ein Umstand, der sich auch mit größten Mühen nicht wegdiskutieren lässt. Grundsätzlich jedoch macht jede traumatische Erinnerungen mehr oder weniger sichtbare Veränderungen auch auf Körperebene. Als Betroffene tut man sich meist schwer „nur Gefühltes“ gleichwertig als bare Münze zu nehmen, denn dann sind wir wieder mitten im Thema: Wir müssten damit auch die Traumatisierung an sich als Existent anerkennen. Weil das jedoch unerträglich wäre schützt die Dissoziation. Der Zweifel schleicht wie ein unsichtbarer Tiger um unsere Nervenzellen, um sie vor dem Angriff alter Hyänen zu bewahren.

Während auf unserem Fernsehbildschirm Miraculix fleißig im Zaubertrank rührt, werden wir nun versuchen einen konstruktiven Umgang mit unseren Körpersymptomen zu finden. Vermutlich wird das herausarbeiten der Rezeptur ähnlich schwierig sein. Eines jedoch macht dieser Zustand für uns überdeutlich – Trauma ist so viel mehr, als eine Erinnerung im Kopf, die man nicht zurücklassen kann. Es ist mit seiner Essenz zu einem Teil der Existenz unserer Körperzellen geworden, die wir nicht übergehen können, ohne uns selbst zu verlieren. Wir sind unser Körper.

5 Kommentare zu “Körpererinnerungen und Schwangerschaft – auf der Suche nach dem erlösenden Zaubertrank

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