Flashbacks, Jetztzeiterleben, Täterkontakt?

Gestern Abend saß ich auf meinem Bett und versuchte es mir etwas gemütlich zu machen. Der Tag war extrem anstrengend und von starker Dissoziation zerklüftet. Wir machten uns ein Hörbuch an und begannen nach Bastelanregungen im Internet zu suchen. Je mehr wir rein äußerlich entspannten, umso mehr schoß vom Geschehenen ins Bewusstsein und plötzlich war ich mitten drin. Ich hatte das Gefühl, dass mich genau in diesem Moment jemand in meiner Wohnung berührt, streichelt und schließlich vergewaltigt. Kurzzeitig konnte ich diese Person so real vor mir sehen, als wäre sie tatsächlich da gewesen. Nicht vor 10 Jahren, nicht gestern, sondern just in diesem Moment.

Es liegt in der Natur von Flashbacks, dass sie unvermittelt auftreten und ein  Erleben schaffen, als würde das Trauma immer wieder geschehen. Uns passiert diese „komplette Form“ von Gegenwartsverlust eher selten. Meistens läuft auf einer gewissen Ebene noch das Bewusstsein mit, dass die Taten nicht gerade jetzt real passieren, auch wenn wir die Berührungen erneut spüren. Am Vortag war das nun aber mal wieder anders. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Art von vollständigen Gegenwartsverlusten vermehrt dann auftreten, wenn das innere System sowieso unter starkem Stress steht oder an Erinnerungen gearbeitet wird. Das fördert offenbar, dass unorientierte Innenpersonen durch Trigger leichter nach vorne gespült werden, mit Ihrem aus der Zeit gerissenen traumatischen Erleben in der Gegenwart ankommen und  es „live“ erneut erfahren, mit allen Komponenten die dazu gehörten.

Im Jetzt bringt das durchaus Probleme mit sich. Wir brauchen nach so einem Vorfall einige Zeit, um zu überprüfen, ob tatsächlich ein Übergriff in der Gegenwart stattgefunden hat. Im persönlichen Erleben spielt das keine Rolle. Da könnten wir in beiden Fällen aus vollem Herzen behaupten, dass wir gerade vergewaltigt worden sind. Was nicht in Frage steht, ist die Tatsache, dass Gewalt stattgefunden hat. Sonst könnten wir sie auch nicht wiedererleben. Es fragt sich nur wann. Die Suche nach der Antwort kann sich zum Teil sehr komplex gestalten und ähnelt der eines Detektiven, der nach Indizien Ausschau hält. Was hatte die Person an? Passt das zur jetzigen Jahreszeit? War der „Hintergrund“ tatsächlich meine Wohnung? Gibt es entsprechende aktuelle Verletzungsmuster? Ist sonst irgendetwas in der Umgebung anders? Falls ein Kondom benutzt wurde – ist es zufälligerweise noch im Hausmüll? Welchen nutzen oder auch welches Risiko hätten die Täter bei der Vorgehensweise? Können Innenpersonen etwas dazu berichten, was zu Klärung beiträgt? Wer musste die Türe öffnen, ans Telefon gehen, einen bestimmten Ort aufsuchen? Und so weiter. Manchmal muss man eine Zeit der bangen Ungewissheit aushalten. Dann versorgt man zunächst einfach nur dir Schäden, die dadurch entstanden. Dafür ist die Aktualität insofern unerheblich, als das der erlebte Schockzustand und die dazu gehörigen Emotionen in beiden Fällen identisch sind. Es gibt Trauer, Ohnmacht und Wut, die gelebt werden müssen. Die betroffenen Innenpersonen müssen vielleicht auf einer inneren Krankenstation aufgefangen werden. Wenn Körperschmerzen bestehen, braucht es unter Umständen einen Arztbesuch, der sie genauer abklären kann. Es schadet auch nicht, vorsichtshalber die Pille danach zu nehmen, bevor man einige Wochen später feststellt, dass man vom vermeintlichen Flashback schwanger ist. 

Wie daraus hervorgeht, ist die Klärung von aktuellem Täterkontakt gar nicht so leicht. Wir halten es für grob fahrlässig, wenn vorschnell auf reale Übergriffe geschlossen wird, ohne genau zu klären, ob vielleicht „nur“ starke Flashbacks am Werk sind. Dann arbeitet man nämlich unter am Opfer vorbei. Dabei geht es nicht um mehr oder weniger schlimm, sondern um die Frage nach notwendigen Schutzmaßnahmen im Innen und Außen. Ganz schwierig wird es, wenn von Therapeuten aus Angst um die Patienten und Unwissenheit auf dem Gebiet zu früh Strafverfolgungsbehörden involviert werden. Wenn dann vorher nicht sauber gearbeitet wurde, riskiert man die komplette Glaubwürdigkeit der Betroffenen, wenn sich etwa im Zuge von Ermittlungen heraus stellt, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Gegenwart kein Übergriff stattgefunden haben kann. Im Grunde heißt das nämlich nicht, dass er nie passiert ist, sondern lediglich, dass er unter Umständen auf der Zeitachse verrutscht ist.

Die zugehörigen Innenpersonen müssen so oder so versorgt und der innere Mechanismus richtig zugeordnet werden. Falls jemand die Türe geöffnet hat, ist es auch egal, ob es im heute oder damals passiert ist. Man muss so der so mit ihm sprechen, um das in Zukunft zu vermeiden. Auch dieser Teil erlebt sein Trauma in diesen Momenten wieder. Aus eigener Erfahrung würde ich deshalb dazu raten, damit anzufangen das innere Chaos zu lichten. Die Notwendigkeit der äußeren Absicherung ergibt sich dann daraus oder es stellt sich heraus, dass man glücklicherweise keine braucht. 

15 Kommentare zu “Flashbacks, Jetztzeiterleben, Täterkontakt?

  1. Ach, Sofie, ich fühle mich hilflos … Möchte dir was Gutes sagen/schreiben und weiß absolut nicht, was und wie.
    Ich schicke dir ganz gute und warme Wünsche und, wenn ich darf, lege ich meine Hand ganz sacht auf deine …

    • Vielen Dank! 😊

      Du brauchst dich nicht hilflos fühlen. Auch wenn der Beitrag schwieriges beinhaltet, haben wir ihn doch eher aus einer logisch-rationalen Position geschrieben und kommen deshalb ganz gut damit klar.

      Vielleicht magst du dich selbst auch mal in den Arm nehmen?

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Wow, das hat mich gerade total berührt. Wäre nämlich heute mal dringend nötig und fällt SO schwer.
        Danke für diese Anregung! :o)

  2. Dieser Beitrag hat hier innerlich sehr viel ausgelöst. Einerseits habt ihr vollkommen Recht, mit dem was ihr da beschreibt und wir haben auch schon häufiger über dieses Thema nachgedacht. Also woran man erkennt, ob es jetzt ein Flashback war oder wirklich ein Täterübergriff. Manchmal ist das schwer zu unterscheiden, das stimmt. Andererseits ging dann hier direkt das innere Drama los von wegen “Vielleicht bilden wir uns das alles nur ein und das sind vielleicht doch nur Flashbacks”. Ich weiß, dass der Beitrag so nicht gemeint war, aber hier werden dann immer wieder die eigenen Zweifel sehr laut. Vielleicht auch weil wir uns wünschen, dass es wirklich “nur” Flashbacks sind und dass es im Heute sicher ist. Was es aber zu 90% aber eben nicht ist. Zu 100% können wir das nicht sagen, aber es deutet schon viel darauf hin und trotzdem fängt man sofort wieder an zu zweifeln, wenn man über dieses Thema nachdenkt. Das ist aber unser Problem, womit wir irgendwie zurechtkommen müssen – entschuldigt bitte, dass ich so viel von uns geschrieben habe. Ich wollte damit nicht euren Beitrag kritisieren oder so, ganz im Gegenteil. Wie gesagt wir hatten diese Gedanken ja auch schon häufiger.

    • Es gibt nichts, wofür ihr euch entschuldigen müsst! Wir danken euch für’s teilen euerer Gedanken! Es tut mir leid, dass der Beitrag so viel mit euch macht und in Verunsicherung stürzt. Wir verstehen das recht gut, weil wir in unserer Unsicherheit auch schon oft solche Probleme hatten.

      So oder so, einbilden tut ihr euch in keinem Fall etwas. Gewalt erlebt ihr in beiden Fällen. Ich wollte auch keinesfalls mit dem Beitrag sagen, dass es keine akuten Gefährdungen im Heute geben kann. Ich wäre auch dafür, dass man sich mit einem Gefühl von Gefährdung immer ernst nimmt, egal wie subtil es ist und nach entsprechenden Hilfen und Sicherheiten sucht. So wie du schreibst, reflektiert ihr das Thema schon länger und habt mit 90% ja doch ein sehr eindeutiges Ergebnis dazu. Dabei dürft ihr auch bleiben! Schützt euch so, wie es sich für euch richtig anfühlt, auch im Außen! Ich bin sicher, dass ihr das richtig für euch wahrnehmt.

      Aus der eigenen Erfahrung werden Zweifel immer besonders laut und heftig, je richtiger eine schmerzliche Vermutung ist und je mehr Dissoziation gebraucht wird, um sie zu ertragen. Insofern könntet ihr das auch als Hinweis für euere Befürchtung sehen. 😉

      Wir hoffen es kann schnell wieder Beruhigung einkehren und dass ihr wieder bei euch ankommen könnt. Gerne dürft ihr den Beitrag auch einfach imaginär wieder zu mir zurückstellen und euch davon abgrenzen, wenn euch das hilft.

      Liebe Grüße,
      Sofie

      Liebe Grüße,
      Sofie

  3. Liebe Sofie, ihr beschreibt hier meinen totalen Alptraum. Könnt oder mögt ihr vielleicht schreiben wie ihr es geschafft habt das auszuhalten und wie ihr es geschafft habt das zu überstehen? Wie schafft man es danach so rational davon zu berichten bzw. Das so für sich zu verarbeiten, dass einen das nicht vollkommen umhaut?
    Liebe Grüße
    A..

    • Liebe A.,
      das Problem ist, dass es uns vollkommen umhaut. Das lässt sich auch nicht vermeiden. Diese Momente kosten alle Kraft, stürzen in Krisen und sind einfach nur schrecklich. Schreiben hilft uns insofern bei der Bewältigung, als dass wir zuerst einfach mal festhalten, wie sich etwas für uns anfühlt und uns anschließend beim Lesen einen Überblick verschaffen um auf einer kognitiven Ebene zu reflektieren. Die meisten unserer Texte sind tatsächlich ziemlich wenig klassisch durchdacht, sondern entstehen aus einer Art inneren Fluss heraus frei weg, so wie wir gerade eben denken oder fühlen.

      Etwas hilfreich ist vielleicht auch, dass wir eher ein ruhiger, rationaler Typ sind und Emotionen gut zurückstellen können, wenn es wichtig ist den Überblick zu wahren. Vorschnelles Handeln war in unsrer Geschichte ebenso gefährlich, wie zu langes zögern. Deshalb gibt es die Anteile, die das gelernt haben. Ein Stück „ruhiger“ Überlegtheit bringt sicher die Erfahrung mit sich. Es ist nicht das erste und wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal, dass wir in solchen Situationen stecken und von Flashbacks überwältigt werden. Deswegen sind sie nicht weniger schlimm, aber die Erfahrung sie einzuordnen steigt. Mittlerweile ergeben sich gewisse Muster. Wenn ich an bestimmten Erinnerungsteilen arbeite, kann ich damit rechnen, dass sowas auftaucht. Wenn wir die Kulterinnerungen vorholen, ist eine gewisse Neigung zu „Halluzinationen“ beispielsweise praktisch all inklusive. Ein Stück lässt sich dem vorbauen und manches lässt sich nicht vermeiden.

      Die Ungewissheit ist schwer auszuhalten und Geduld ist nicht unserer Stärke. Diese extreme innere Anspannung aus der Ungewissheit ist schwer dauerhaft auszuhalten. Ich übe mich gerade darin, den Zeitaspekt ob heute oder damals außen vor zu lassen und einfach die durch das Widererleben auftauchenden Emotionen voll zu akzeptieren. Wenn mir jemand im innen sagt, dass etwas gerade passiert ist, ist es für diejenige ja so und zwar ganz unabhängig von der rationalen Einordnung. Wenn ich gerade Gewalt erlebt hätte und würde mich einer anderen Person (also mir als Alltagsperson) anvertrauen, würde ich auch nicht gerne mit Faktenfragen überschüttet werden, sondern bräuchte es erst einmal bedingungslos angenommen zu werden. Sofern mir das gelingt wird es tatsächlich etwas leichter, weil ich mich dann darum kümmern kann und „mich/uns“ nicht unversorgt in der Ecke stehen lasse, wie ein Polizist dem die Indizien nicht reichen und deshalb gleich gar nicht tätig wird. Trotzdem bleibt es schwer.

      Ich hoffe deine Fragen sind beantwortet. Wenn du was anderes meintest oder noch was offen ist, meld dich bitte einfach nochmal. 😊

      Liebe Grüße,
      Sofie

      • Liebe Sofie, vielen Dank für deine Erklärung. Ja ich verstehe das, hmm besser schon aber vielleicht habe ich selber zu viel Angst vor diesem Thema. Ich denke immer ich müßte im Vorfeld so etwas wie eine Strategie oder einen Plan haben damit ich, wenn es passiert, irgendwie etwas habe wo ich mich entlang hangeln kann. Klappt wahrscheinlich eh nicht 🙄🙄
        Was mich interessieren würde, wenn ich das fragen darf, was machst du als Außenperson mit diesem vernichtenden Erlebnis und Eindrücken? Den anderen helfen wenn man selber gerade nicht weiß wie man es fassen soll geht wirklich nur sehr schwer bis gar nicht oder? Ich wüßte nämlich nicht was mir da helfen könnte und die Kraft haben mich dann um die anderen zu kümmern.puhhh was für eine Herausforderung.
        Danke für deine liebe und ausführliche Antwort.
        Liebe Grüße
        A.

      • Liebe A.,
        beim Lesen musste ich ein bisschen an Harry Potter denken, der im siebten Teil zu seinen Freunden sagt: „Wann hat jemals ein Plan von uns wirklich funktioniert!?“ Bei uns läuft das mit Plänen meistens schief, weil wir dann zu starr sind, wenn es anders kommt. Mittlerweile entscheiden wir deshalb eher flexibel, was gut tun könnte. Im Grunde muss man das aber, glaub ich, selber rausfinden, inwiefern man ein Konzept braucht. Da sind Menschen auch verschieden. Andere würden vielleicht sagen, dass ihnen feste Pläne total geholfen haben.

        Du darfst fragen. 😉 Die Antwort ist gar nicht leicht. Da muss ich nun auch erst einmal nachdenken. Manchmal muss Hilfe gar keine große Sache sein. Bei uns verändert sich im Innen so viel, wenn ich einfach nur zurückmelde, dass ich glaube, was mir erzählt wird und nicht versuche es zu Leugnen oder zu vertuschen. Da darf ich auch sagen, dass ich keine Lösung habe oder überfordert bin, aber sie sehe und respektiere. Ich stelle mir als Brücke oft vor, was ich tun würde, wenn eine andere Person im Außen mit Ihrer Not zu mir käme. Vielleicht könnte ich nichts ändern und wäre völlig überfordert, aber ich kann sie zumindest sehen und ihr zu verstehen geben, dass sie nicht alleine ist. Könntest du denn mit deinen Innens auch einfach mal darüber sprechen, was sie in diesen Momenten brauchen? Ich weiß, dass es furchtbare Angst macht die Erwartungen nicht erfüllen zu können, aber es reichen manchmal ganz klitzekleine Gesten, auf die man vor lauter Angst gar nicht kommt.

        Liebe Grüße,
        Sofie 😊

  4. Vielen Dank liebe Sofie für die Mühe und die Antwort. Ja das mit dem Plan haben bevor es da ist und nicht klappt kenne ich 🙄🙄🙄 na klar…aber ein wenig Pseudosicherheit ist doch auch nett.
    Nein ich kann eigentlich nur sehr selten mit den anderen reden. Wenn sehr kurz und alles ist abrupt beendet. Das macht alles sehr schwer und auch kompliziert.
    Du hast mir sehr geholfen!! Vielen Dank!!
    Liebe Grüße
    A.

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