Das Trauma der Funktionalität

Wir sitzen in unserem Zimmer. Der Kaffee ist kalt. Auf der Thuje benetzen Wassertropfen die feinen Triebspitzen. Ich blicke durch sie hindurch wie durch Glaskugeln in denen man Weisheit zu finden versucht. Mein Atem stockt immer wieder. Der Körper meldet sich mit einem zarten inneren Vibrieren, das sich bald zu Zittern ausweitet. Alltag. Nichts dabei. Nur ein bisschen funktionieren. Doch es klappt nicht. Der Mandeldino im Kopf schreit Alarm. Ich kann mich nicht einfach übergehen. Heute nicht. Mein Körper schaltet auf Kampf. Der Druck steigt. Traumatisierte Funktionalität nimmt sich Raum.

Mein Innerstes rebelliert. Dabei muss der Auslöser derzeit nicht groß sein. Schon gar nicht bedarf er einer logischen Erklärung. Es reichen Dinge wie liebe Nachfragen von Freunden, die ich gefühlt beantworten muss, um mich maximal aus dem Leben zu hebeln und direkt ins Trauma zu werfen. Sobald mein Bedürfnis in Konflikt mit einer äußeren Anforderung gerät fällt der Schalter. Ich habe lange versucht mir logisch zu erklären, weshalb beispielsweise eine Frage im Heute ganz normal ist und nicht gefährlich oder weshalb man sich vor einer Zugfahrt nunmal auf eine Karte festlegen muss (ich will überhaupt nichts müssen!) und man das nicht anders lösen kann, es sei denn man möchte schwarzfahren. Problem dabei: Meinen Emotionsdiono interessiert das ganze kognitive Gefasel nicht. Der vertraut den Jungspunden vom Großhirn nicht. Er findet sie zu unerfahren, um kompetent mitreden zu können. 

Nun habe ich versucht dem Dino weis zu machen, dass er mit seiner Reaktion unrecht und übertrieben reagiert hat. Dagegen hat er sich vehement gewehrt. Noch ein Schippchen Angst oben drauf, wenn die nicht begreifen wollen oder den Druck im Innen bis zur Selbstverletzungsattacke ausweiten. Ein Kräftemessen begann. Das Großhirn hat überdurchschnittlich häufig verloren. „Sie sehen soeben das Duell T-Rex gegen Zuchtkaninchen. Hubs, is’ ja schon platt!“

An einem der Tage, an dem es mir unendlich schlecht ging und mir die ganze Reflektiererei zusetzte, habe ich irgendwann etwas begriffen: Der Mandeldino hat recht mit seinen Gefühlen! Jede erlittene Erstarrungsreaktion und das bloße durchstehen eines Traumatas gleicht der Funktionalität im Alltag. Mein innerstes Gefühl wollte keinen Mann befriedigen, sich anfassen lassen oder den Tätern gehorchen. Mein Bedürfnis war es in Ruhe gelassen zu werden und selbst entscheiden zu können. Ich habe durch die Gewalt hindurch funktioniert. Funktionalität ist damit ein ganz existenzieller Traumabestandteil. Wer kann dem Dino da verübeln, dass er sich in der Folge gegen jede Unterdrückung innerer Bedürfnisse zur Wehr setzt!? Leider gehört das bis zu einem gewissen Grad fast zwingend zum Alltag in der sogenannten normalen Gesellschaft.

Die Ohnmacht wähnt er im Jetzt auch, wenn ich mich etwa auf einen Termin festlegen soll. Dann kann ich gefühlt nämlich nicht mehr spontan entscheiden, ob ich in dem Moment will und ich weiß ja vorher nicht, wie‘s mir an dem Tag geht. Ich muss dann irgendwie durch. Natürlich könnte ich absagen. Aber alleine das Gefühl bis dahin erst einmal festgelegt zu sein, kostet mich alle Nerven und bedeutet für mich einen enormen Kraftaufwand. Habe ich einen unangenehmen Besuch beim Arzt vor mir, will ich das definitiv auch an diesem Tag nicht. Dennoch hat die Praxis aus Organisationsgründen wohl das Bedürfnis, dass ich mich möglichst frühzeitig anmelde. Mit dem Verstand funktioniere ich vielleicht drüber, weil ich weiß, dass die Versorgung einer Erkrankung wichtig sein kann. Im Grunde gehe ich damit aber über meine Grenzen. Funktionalität ohne emotionale Entsprechung ist damit eine ganz reale Grenzverletzung! Ich würde sogar soweit gehen, dass ich sie als Reinszenierung eines erlernten Traumamusters sehe. 

Was mache ich nun aus dem Wissen? Ich übe mich in Sanftheit mit meinem Innen. Das gelingt mir mal besser, mal schlechter und mal überhaupt nicht. Ich versuche mich nicht abzuwerten, sondern Verständnis aufzubringen, wenn ich mal wieder die Krise schiebe, weil ich mich im Alltag unfrei fühle. Wenn es mir gelingt, versuche ich immer wieder wahrzunehmen, welche inneren Bedürfnisse eigentlich in mir sind. Manchmal kann ich sie mir relativ einfach erfüllen und nehme mir damit Druck. Das kann in Form einer kurzen Pause sein, einen Schluck trinken oder auch nur zu registrieren, dass jemand im Innen getriggert ist und leidet. Mir nimmt das das Gefühl mich permanent zu übergehen. Eine wirklich gute Allroundlösung habe ich bislang leider noch nicht gefunden. Aber auch hier muss ich nicht perfekt funktionieren und versuche mir Zeit für Heilung zu erlauben. Mal sehen, was sich in Zukunft so ergibt.

6 Kommentare zu “Das Trauma der Funktionalität

  1. Liebe buntschmetterlinge,

    ich kann die innere Logik des ‚Dino’ nachvollziehen, aus seiner Sicht macht das ganz viel Sinn. Ich kann aber auch die Position des Großhirn gut nachvollziehen und denke, dass es auch für dessen Position ebenso berechtigte Gründe gibt.
    Was also tun?
    Dem Recht des Stärkeren nachgeben?

    Meine Erfahrung ist: beide verdienen Geduld und Zeit, Verständnis und Respekt, damit ein Verhandlungsspielraum entstehen kann, in dem eine emotional und rational stimmige Entscheidung wachsen kann, die in der jeweiligen Situation gerecht wird.

    Liebe Grüße

  2. Termine sind bei uns auch immer Stress, sowohl sich festlegen zu müssen – was wir schlecht können, als auch wenn die Termine näher rücken und sich bei uns fast der Magen umdreht vor lauter Angst im Innen, das Herz rasst, wir sind teilweise fast panisch. Grade bei Ärzten… Und absagen ist irgendwie auch verboten. Wär eh kontraproduktiv.
    Eben fragte ne Freundin ob sie kommen kann/soll, am Sonntag. Spontan wollen wir das nicht, wir sind gerade arg depressiv… Aber es gibt auch das Bedürfnis nicht alleine zu sein, oder reden zu können… Dieses hin und her gerissen sein ist Druck. Natürlich war unsere Antwort, wir entscheiden das dann spontan am Sonntag…
    Wo das möglich ist, machen wir das immer so. Aber selbst das macht uns merkwürdigerweise Druck.
    Aber was in unserem Leben hat eigentlich nichts mit unserer Vergangenheit zu tun? Jegliche Gefühle, Entscheidungen, Verhalten etc hat doch damit zu tun und Trauma ist der heftigste, intensivste und prägnanteste „Erzieher“ für alles im Leben. Und momentan hasse ich es. Anscheinend geht unser Leben nicht ohne Drama…

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