Tränen erzählen

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„Es sind meine Tränen, nicht mein Lächeln, die mich heilen. Heute sagen meine Tränen meine Wahrheit und enthüllen ihre Geheimnisse.“

Ich sitze auf meinem Bett und tippe Worte in die weiße Maske meines Laptops. Es steht mir frei, sie weinen oder lachen zu lassen. Bislang ist sie unbeschrieben.
Damals als Kind waren wir das auch, ehe Erwachsene uns immer mehr Leid hinter die lächelnde Fassade füllten.
Draußen regnet es in Strömen.
Vom Himmel fallen große Tropfen.
Ob wohl auch er über die grausamen Taten weint?

Viele Kinder und Jugendliche freuen sich heute darauf in der Nacht kleine Streiche zu spielen. So ist es hier Brauch. In den Städten und Dörfern werden Feste gefeiert. Man erzählt vom Tanz der Hexen auf dem Blocksberg und genießt gemeinsam Speis und Trank als Überbleibsel des einstigen Fruchtbarkeitsfestes.
Für die Meisten wird der Tag wohl in guter Erinnerung bleiben. Sie werden irgendwann ihren Kindern davon erzählen und traditionelle, lustige Dinge tun. 

Während wir im Außen dieses Prozedere wohl kennen, bedeutet für viele Innenleute dieser Tag etwas ganz anderes. Er heißt Beltane. So wurde es ihnen beigebracht. Sie zersprangen an dem Leid, dass sie rund um dieses Datum erlebten. Oft genug blieb nicht mehr, als es wegzulächeln. Denn spätestens am nächsten Tag hieß es für die Alltagsleute wieder Schule. Dort musste es egal sein, wie sehr der Unterleib schmerzte, wie bedrohlich die private Welt war und welches Grauen wir nur wenige Stunden zuvor erlebten. Überleben hieß schweigen und entspannter, freundlicher Blick. Niemals hätten wir es gewagt auch nur eine einzige Träne zu vergießen.

Heute weinen wir. Seit Tagen immer wieder. Es war harte therapeutische Arbeit uns diesen Ausdruck zurückzuerkämpfen. Mit jeder einzelnen Träne erzählen wir unsere Wahrheit. Manchmal einfach nur uns selbst. Manchmal wichtigen Vertrauten. Wir lassen unser Leid sichtbar werden und sind nicht mehr bereit es für uns zu behalten. Unsere Unterdrückung darf sich in den salzigen Tropfen ausdrücken und fließen. Das macht die Schmerzen wenigstens etwas leichter.

Es gibt gute und schlechte Geheimnisse. Die Geheimnisse, die in Tränen verborgen sind müssen irgendwann offengelegt werden. Sie sprechen von den schmerzlichsten Stunden eines Menschen. Sein Leid heilt unter ihrem Balsam.

Zitatquelle:
Chrystine Oksana, Safe Passage to Healing, 1994, S. 24, wiederum zitiert in Alison Miller, Werde, wer du wirklich bist, Asanger 2017, S. 267

22 Kommentare zu “Tränen erzählen

  1. Ich bin froh, dass Ihr weinen könnt. Eure Tränen sind schön, weil sie Euch erleichtern. Und weil sie zu mir sprechen, wie Ihr es nicht könnt, nach dem was und wie es geschehen ist.

    Ich höre ihnen zu. Ganz still. Nehme ihr Flüstern auf. Und schreibe, die Worte , die ich höre in jenes Heft, in dem ich die Dinge bewahre, die nie vergessen werden dürfen.

    Und abends schlage ich dieses Heft vor dem Schlafengehen stets auf. Und schicke meine Wünsche in den Himmel.

    Auch für jede Deiner/Eurer Tränen jeden Abend wenigstens einen.

    Ganz liebe Grüße, Ihr vielen Schmetterlinge!

    • Ist das lieb von dir! 😊
      Das hat uns gerade sehr berührt.

      Vielen Dank für’s stille Zuhören.

      Eine unserer Tränen malt dir nun von Herzen liebe Grüße und flattert dann als Schmetterling davon…🦋💜

  2. Deine Zeilen machen mich gerade so traurig und berühren ganz tief.
    Ich konnte auch so lange nicht weinen und heute bin ich froh um jede Träne, die den Weg aus meiner Seele schafft. ♥ Es ist schön, dass ihr heute weinen könnt!

    • Oh… ich hoffe es ist eine lösende und befreiende Traurigkeit.
      Ich finde, wenn man den Weg so weit geschafft hat, dass man überhaupt Tränen wieder zulassen kann, dann kann man ganz schön stolz auf sich sein. Das ist so ein wichtiger Schritt und verlangt so viel Mut zur Aufarbeitung des Alten. Da darf man sich gerne auch immer wieder selbst auf die Schulter klopfen.

      Wir denken an euch und wünschen euch noch viele befreiende Tränenmomente! 🙂

  3. Liebe Sofie,
    wunderbar geschrieben. Tränen sind auch meine Begleiterinnen. Und auch das „Weglächeln“ ist mir sehr vertraut…
    Alles Liebe.

    • Liebe Anya,
      vielen Dank für die liebe Rückmeldung! 😊

      Manchmal ist es wirklich nicht einfach eine gute Balance zwischen Lachen und Weinen zu finden. Ich wünsche dir, dass es auch bei dir immer mehr so sein darf, wie du es für dich haben möchtest – ganz unabhängig von dem was andere sagen oder denken.

      Liebe Grüße,
      Sofie 🙂

  4. Liebe Sofie,
    Es ist schrecklich, was ihr erleiden musstet. Ich sende euch ganz viel Kraft für heute und so lange ihr sie braucht. Wie schön, dass die Tränen heilen dürfen. Dass sie fließen dürfen. Auch ich kenne die Schwere, die ein zwanghaftes Lächeln hinterlässt und Tränen nicht kommen können oder dürfen.
    Seid lieb umarmt, wenn ihr mögt. ❤️
    Herzliche Grüße
    „Benita“

    • Danke dir! 😊
      In manchen Momenten machen Tränen fast glücklicher als jedes Lachen… Ich bin immer froh, wenn der Druck so gehen darf.

      Ich hoffe, dass auch bei dir die Tränen immer mehr Platz finden, wenn du sie brauchst.

      Einen lieben Umarmer zurück und ganz herzliche Grüße! 🙂

  5. Liebe Sophie,
    mich haben diese Worte gerade sehr gerührt. Das Weinen selbst hat meiner Ansicht nach eine sehr befreiende Wirkung. Wichtig ist, immer zu wissen, dass ihr weinen dürft und euer Schmerz völlig berechtigt ist! Weinen ist ein Ausdruck von Emotionen und ihr braucht sie nicht zu unterdrücken.
    Ganz liebe Grüße! ❤️

    • Danke, liebe Mia, für diesen gefühlvollen Kommentar und deine Anteilnahme! 😊
      Deine Rückversicherung zu meinen Tränen tat gut.

      Wir wünschen dir einen schönen Abend und ganz liebe Grüße zurück! 🙂❤️🦋

  6. Pingback: Walpurgis, Tanz in den Mai und Beltane – über verniedlichende Volksbräuche und erschreckende Wirklichkeiten – Raus aus der Affenfalle

  7. Pingback: Beltane and Walpurgis – abouttrivialising folk customs and terrifying realities – Raus aus der Affenfalle

  8. In der Tat eine schwere Zeit. Wir sind jetzt erst dabei alles nachzuholen was liegen blieb…
    Schön, dass es euch heute möglich ist so da zu sein und nichts mehr zu verbergen. Traurig und grausam, was ihr erlebt habt, lieb umarm euch❤
    Viel Kraft

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